Alberto de la Portilla
Mehr als Zusammenarbeit: unter Combonis Blick
âDas Ganze ist mehr als der Teil,
und es ist auch mehr als ihre einfache Summeâ
 (EG 235).
Liebe BrĂŒder, Schwestern und Comboni-Laienmissionare,
Die frohe und angenehme Begegnung hat uns motiviert, neue Wege der Zusammenarbeit zwischen den von Comboni gegrĂŒndeten Instituten oder jenen, die sich von ihm inspirieren lassen, zu suchen.
Angesichts der trennenden Mauern, die in der Welt errichtet werden, der Vorurteile gegenĂŒber Rassen, Sprachen und Nationen und der Schwierigkeiten vieler Menschen, dem âFremdenâ die TĂŒr zu öffnen, spĂŒren wir Jesu eindringliche Bitte: âdamit sie eins sind und die Welt glaubtâ (Joh 17,21). Wir werden eingeladen, nicht nur mit anderen zusammenzuarbeiten, sondern auch unsere Beziehungen zu vertiefen und neue Wege der Begegnung zu suchen, die nicht auf Charakter- oder InteressenĂ€hnlichkeit sondern auf dem Evangelium grĂŒnden. Jesus erwartet von uns, dass wir uns den anderen mit ihren Grenzen und SchwĂ€chen öffnen, aber auch ihren Gaben und ihrer Schönheit, damit unsere Missionsarbeit fruchtbarer und schöpferischer wird.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat es tiefe sozio-politische UmwĂ€lzungen gegeben, die uns herausfordern und drĂ€ngen, neue Strukturen zu suchen, um unseren Missionbeitrag zeitgemĂ€Ăer und wirkungsvoller zu leisten. Die Menschen wollen heute in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Das trifft nicht nur auf die Zivilgesellschaft zu, die Welle der demokratischen Werte hat auch die Kirche erfasst. Die Laien ĂŒbernehmen immer mehr DienstĂ€mter, die frĂŒher dem Klerus oder den Ordensleuten vorbehalten waren. Sie bringen ihre eigene Sichtweise von Mission ein, die eine tiefere Einsicht in die Wirklichkeit ermöglicht. Gemeinsam mit den Laien können wir in Bereiche vordringen, in denen wir als Comboni-Missionare willkommen sind.
Am 2. Juni 2017 sind die Generalleitungen der Comboni-Familie zu ihrem jÀhrlichen Treffen zusammengekommen, um gemeinsam zu reflektieren, zu beten und sich auszutauschen. Dabei haben wir unseren Wunsch, intensiver zusammenzuarbeiten, bekrÀftigt und erneuert. Wir haben diesen Weg als Comboni-Familie bereits vor geraumer Zeit eingeschlagen, aber er muss immer wieder erneuert und vertieft werden.
Wir haben den Brief vom 17. MĂ€rz 2002 ĂŒber die âZusammenarbeit fĂŒr die Missionâ hervorgeholt, der anlĂ€sslich des Jahrtages der Seligsprechung von Comboni geschrieben wurde. Darin werden nicht nur der zurĂŒckgelegte Weg und die âkonkreten Hinweiseâ, sondern besonders auch die evangelischen und combonianischen Grundlagen der Zusammenarbeit tiefgrĂŒndig entwickelt. Jesu Geist ist nĂ€mlich der Geist der Einheit, den sich Comboni von allem Anfang an fĂŒr seine Familie gewĂŒnscht hat, fĂŒr âeine kleine Gemeinschaft von ApostelnâŠ, die gemeinsam leuchten und wĂ€rmenâ und auf diese Weise die Natur des Zentrums, aus dem sie kommen, offenbaren, nĂ€mlich das Herz des Guten Hirten (Schriften 2648).
Bei unseren Ăberlegungen ist uns bewusst geworden, dass wir diesbezĂŒglich bereits eine lange Wegstrecke zurĂŒckgelegt haben, und wir auch heute auf vielerlei Weise und in verschiedenen Situationen unserer Institute zusammenarbeiten. Wir denken an den Austausch zwischen den Generalsekretariaten und BĂŒros und an die Teilnahme von Mitgliedern mehrerer Provinzen an Versammlungen, Besinnungstagen, Comboni-Feiern und Weiterbildungskursen. Es gibt auch schöne Beispiele von gemeinsamen Reflexionen und PastoraleinsĂ€tzen an Orten, in denen Mitglieder unserer Institute und der Comboni-Laienmissionare wohnen.
Wir spĂŒren zutiefst, dass der Wunsch, unserem Leben und unserer gemeinsamen MissionstĂ€tigkeit neuen Schwung zu geben, in der menschlichen Natur, im Wort Gottes und im Erbe, das uns unser GrĂŒnder Daniel Comboni hinterlassen hat, grundgelegt ist. Comboni wollte, dass die ganze Kirche sich wie ein einziger Körper der Evangelisierung Afrikas widmet: âAuĂerdem wĂŒrden die bereits existierenden Werke, die sich zum Ziel gesetzt haben, zu Gunsten der Schwarzen zu arbeiten, â es sind alles Werke Gottes â getrennt von einander nur wenige und unvollstĂ€ndige Erfolge haben. Wenn sie dagegen gemeinsam und alle das gleiche Ziel ins Auge fassen, nĂ€mlich den Glauben im inneren Afrikas fest zu verwurzeln, wĂŒrden sie eine viel gröĂere Wirkung erzielen, sich leichter entfalten und viel wirksamer das ersehnte Ziel erreichenâ (Schriften 1100). Verschiedentlich hat er zur Zusammenarbeit aufgerufen. Wenn wir uns sein Bespiel vergegenwĂ€rtigen, dann erstarkt in uns der Wunsch nach diesem Geist der Zusammenarbeit.
Wir sind uns bewusst, dass es auf diesem Weg auch Hindernisse gibt, die uns mutlos machen können: ungenĂŒgende menschliche und affektive Reife, Selbstbezogenheit, Protagonismus, Individualismus, mangelnde IdentitĂ€t und Teilung der finanziellen Mittel. Gleichzeitig fordern uns diese Tatsachen heraus, gemeinsam und mit Phantasie neue Formen der Zusammenarbeit zu suchen. Wir fĂŒhren einige Vorteile an, die sich aus der Zusammenarbeit der Comboni-Institute ergeben: die der Zusammenarbeit eigene Ausstrahlung, die gegenseitige ErgĂ€nzung und Bereicherung, der Dienstcharakter, das Zeugnis, in Gemeinschaft mit Personen beiderlei Geschlechtes und verschiedener NationalitĂ€t und Kultur zu leben und zu arbeitenâŠÂ Auf diese Weise werden wir nicht nur Zeugen der Einheit in der Vielfalt, sondern werden Samen von neuen christlichen Gemeinden von BĂŒdern und Schwestern und Zeugen des Wortes, das wir verkĂŒnden.
Wir haben ein groĂartiges, gemeinsames Charisma, das gewachsen ist und sich zur einer groĂen Vielfalt entwickelt hat. So schreitet Combonis Inspiration in der Geschichte voran, um fĂŒr jede Generation VerkĂŒndigung des Evangeliums zu werden, wo Völker in Randgebieten leben. Das Charisma wĂ€chst und erneuet sich, sobald es mit anderen geteilt wird, die es dann mit der Eigenart ihrer christlichen Lebensweise bereichern. Die Verschiedenheit bedroht in keiner Weise die eigene Form der combonianischen IdentitĂ€t, sie stĂ€rkt vielmehr das ZugehörigkeitsgefĂŒhl, wenn sie in Einfachheit gelebt wird und dem anderen Spielraum lĂ€sst.
Wir erlauben uns, einige Aspekte aufzuzeigen, die nach unserer Einsicht eine schöpferische und mutige Anstrengung nötig haben, um die Zusammenarbeit auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene sowie auf der Ebene der Provinzen und der Generalleitung zu verbessern: man muss immer den Blick ausweiten, um ein gröĂeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringtâ (EG 235).
Wir verpflichten uns:
- die Geschichte unserer Istitute grĂŒndlicher zu studieren und dankbaren Herzens die Wundertaten Gottes in Erinnerung zu rufen;
- die Personen und das Leben unserer Istitute kennenzulernen, uns ĂŒber unser Sein und Handeln, ĂŒber unsere pastoralen und missionarischen Projekte mit Hilfe der uns zur VerfĂŒgung stehenden Medien auszutauschen und uns zu freuen ĂŒber das, was bereits geschieht.
- gemeinsam uns mit der combonianischen Mission in der Welt von heute zu beschĂ€ftigen: neue Leitbilder von Mission, Dienstamt (durch spezifische pastorale Methoden) und kulturelle Vielfalt. Es geht nicht so sehr um Anworten auf die Probleme, als vielmehr innezuhalten und zu ĂŒberlegen, um unseren Instituten Visionen anbieten zu können;
- Dienende Gemeinschaften von Mitgliedern verschiedener Kogregationen (oder der Comboni-Familie) zu errichten, in denen gegenseitiges Vertrauen herrscht. Mit Blick auf die Zukunft, sich ĂŒber die Beschaffenheit der Comboni-Familie Gedanken zu machen, um eine klareres Zeugnis fĂŒr unsere Zusammenarbeit ablegen zu können.
- bei der Ausbildung unserer Kandidaten/innen und ihrer HinfĂŒhrung zum Charisma und zur combonianischen SpiritualitĂ€t zusammenzuarbeiten und womöglich Kurse und Weiterbildungsinitiativen gemeinsam zu gestalten (das Thema ist bereits allen MCCJ Leitern der AusbildungshĂ€user wĂ€hrend ihrer Versammlung vom Juli 2017 in Maia, Portugal schriftlich mitgeteilt worden);
- unsere combonianische SpiritualitÀt zu vertiefen und Momente der Urteilsfindung und des Gebetes in besonderen Lebenssituationen unserer Institute zu fördern, und dabei auf das Wort Gottes zu hören und auf die Zeichen der Zeit zu achten;
- den Notsituationen, die einen gemeinsamen Einsatz erfordern, zusammen mit anderen zu begegnen,
Im Rahmen des 150. GrĂŒndungsjahres unseres Instituts und des 25. Jahrtages der GrĂŒndung der Comboni-Laienmissionare fĂŒhlen wir uns vom Heiligen Geist angetrieben, uns um die Zusammenarbeit entschiedener zu bemĂŒhen.
In der Hoffnung, dass einige der oben erwĂ€hnten VorschlĂ€ge mögliche Schritte hin zur Zusammenarbeit sein mögen, laden wir Euch ein, schöpferisch und groĂherzig zu sein, indem wir uns dem Heiligen Geist öffnen, der alles neu macht und uns ermutigt, mit Vertrauen weiterzumachen: âDer Geist ist der Wind, der uns vorantreibt, der uns unterwegs sein lĂ€sst, uns als Pilger und Fremde fĂŒhlen lĂ€sst und uns nicht gestattet, es uns bequem zu machen und zu einem »sesshaften« Volk zu werdenâ (Papst Franziskus, Generalaudienz, 31. Mai 2017).
Madre Luigia Coccia (Generaloberin)
Sr. Rosa Matilde Tellez Soto
Sr. Kudusan Debesai Tesfamicael
Sr. EulĂĄlia Capdevila EnrĂquez
Sr. Ida Colombo
Dalessandro Isabella (Generalverantwortliche)
Dal Zovo Maria Pia
Galli Mariella
Rodrigues Pascoal Adilia Maria
Ziliotto Lucia
Herr Alberto de la Portilla (Koordinator CLM Zentralausschuss)
Tesfaye Tadesse Gebresilasie (Geneneralobere)
Jeremias dos Santos Martins
Ciuciulla Pietro
Bustos JuĂĄrez Rogelio
Fr. Lamana CĂłnsola Alberto
Die deutsche Ausgabe der Schriften (Scritti) Combonis
Es war eine schwere Geburt, aber es hat sich gelohnt. Manchmal kommt ein Kind als âNachzĂŒglerâ auf die Welt, das dann manchmal sogar zum Lieblingskind aller wird.
Jetzt, pĂŒnktlich zum Festtag Combonis, am 10. Oktober 2017, ist auch die Ausgabe der Schriften und Briefe Daniel Combonis auf Deutsch erschienen. Sie wurde beim Missionarischen Symposium am 7. und 8. Oktober in Ellwangen allen Teilnehmern vorgestellt. Die Provinzoberen oder einzelne MitbrĂŒder, die ein Exemplar erhalten möchten, können sich an den Vize-Provinzial P. Anton Schneider wenden.
Es ist vielen zu danken, die unermĂŒdlich an dieser Ăbersetzung gearbeitet haben: allen voran P. Georg Klose und P. Alois Eder, die alle Briefe in Deutsche ĂŒbersetzt haben, und Frau Andrea Fuchs und P. Anton Schneider, die fĂŒr die Endredaktion verantwortlich waren.
Es bleibt zu wĂŒnschen, dass diese Kraftanstrengung der DSP jetzt reiche FrĂŒchte trĂ€gt: dass uns durch das Lesen und Meditieren der Briefe Combonis, seine Figur wieder nĂ€her kommt und dadurch unsere Combonianische IdentitĂ€t gestĂ€rkt wird.
Im Bild, von links: P. Georg Klose, P. Alois Eder, und P. Karl Peinhopf, Provinzobere der Deutschsprachige Provinz (DSP).
comboni.org
Botschaft von Papst Franziskus zum Weltmissionssonntag 2017
Die Mission im Herzen des christlichen Glaubens
Liebe BrĂŒder und Schwestern,
auch dieses Jahr lĂ€dt uns der Sonntag der Weltmission dazu ein, uns um die Person Jesu zu versammeln, dem »allerersten und gröĂten KĂŒnder des Evangeliums« (Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 7), der uns fortwĂ€hrend aussendet, das Evangelium der Liebe des Vaters mit der Kraft des Heiligen Geistes zu verkĂŒnden. Dieser Tag lĂ€dt uns ein, erneut ĂŒber die Mission im Herzen des christlichen Glaubens nachzudenken. Denn die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch; wĂ€re sie dies nicht, dann wĂ€re sie nicht mehr die Kirche Christi, sondern ein Verein unter vielen anderen, der sein Ziel bald erreicht hĂ€tte und dann verschwinden wĂŒrde. Deshalb sollten wir uns einige Fragen stellen, die unsere christliche IdentitĂ€t betreffen und unsere Verantwortung als Glaubende in einer durch zahlreiche Illusionen verwirrten Welt, die durch groĂe Unzufriedenheit verwundet und von vielen Bruderkriegen zerrissen ist, die ungerechterweise vor allem Unschuldige treffen. Was sind die Grundlagen der Mission? Was ist das Herz der Mission? Welches sind die fĂŒr die Mission lebensnotwendigen Haltungen?
Die Mission und die verwandelnde Kraft des Evangeliums Christi, Weg, Wahrheit und Leben
1. Die Mission der Kirche, die sich an alle Menschen guten Willens richtet, grĂŒndet auf der verwandelnden Kraft des Evangeliums. Das Evangelium ist eine Frohe Botschaft, die eine ansteckende Freude in sich trĂ€gt, weil sie das neue Leben enthĂ€lt und schenkt: das Leben des auferstandenen Christus, der seinen lebensspendenden Geist mitteilt und so fĂŒr uns Weg, Wahrheit und Leben wird (vgl. Joh 14,6). Er ist der Weg, dem wir voller Zuversicht und Mut folgen sollen. Wenn wir Jesus, unserem Weg folgen, erfahren wir die Wahrheit und empfangen sein Leben, das die volle Gemeinschaft mit dem Vater in der Kraft des Heiligen Geistes ist. Dies befreit uns von jeder Form des Egoismus und ist Quelle der KreativitĂ€t in der Liebe.
2. Gott Vater will diese existentielle Verwandlung seiner Söhne und Töchter. Diese Verwandlung drĂŒckt sich dadurch aus, dass sie ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten (vgl. Joh 4,23-24), in einem Leben, das vom Heiligen Geist beseelt ist, in der Nachfolge des Sohnes Jesus zu Ehren des Vaters. »Die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch« (IrenĂ€us, Adversus haereses IV, 20, 7). Auf diese Weise wird die VerkĂŒndigung des Evangeliums lebendiges und wirksames Wort, das in die Tat umsetzt, was es verkĂŒndet (vgl. Jes 55,10-11), also Jesus Christus, der fortwĂ€hrend Fleisch in jeder menschlichen Situation annimmt (vgl. Joh 1,14).
Die Mission und der kairos Christi
3. Bei der Mission der Kirche geht es also nicht um die Verbreitung einer religiösen Ideologie und auch nicht um Empfehlung einer auserlesenen Ethik. Viele Bewegungen in aller Welt bringen hohe Ideale und beachtliche ethische Ausdrucksformen hervor. Durch die Mission der Kirche verkĂŒndet und wirkt Jesus fortwĂ€hrend und damit ist sie der kairos, also der gĂŒnstige Zeitpunkt fĂŒr das Heil in der Geschichte. Durch die VerkĂŒndigung des Evangeliums wird Jesus immer wieder zu unserem Zeitgenossen, damit diejenigen, die ihn mit Glauben und Liebe aufnehmen, die verwandelnde Kraft des Geistes des Auferstandenen erfahren, der die die Menschheit und die Schöpfung fruchtbar macht wie der Regen die Erde. »Seine Auferstehung gehört nicht der Vergangenheit an; sie beinhaltet eine Lebenskraft, die die Welt durchdrungen hat. Wo alles tot zu sein scheint, sprieĂen wieder ĂŒberall Anzeichen der Auferstehung hervor. Es ist eine unvergleichliche Kraft.« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 276).
4. Wir sollten uns stets daran erinnern, dass »am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluss oder eine groĂe Idee [steht], sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt« (Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est, 1). Das Evangelium ist eine Person, die sich uns fortwĂ€hrend schenkt und diejenigen, die sie mit demĂŒtigem und tĂ€tigem Glauben aufnehmen, immer wieder einlĂ€dt, das Leben durch eine wirkliche Teilhabe am österlichen Geheimnis des Todes und der Auferstehung weiterzugeben. Das Evangelium wird auf diese Weise, durch die Taufe, Quelle neuen Lebens, frei von der Herrschaft der SĂŒnde, erleuchtet und verwandelt vom Heiligen Geist; durch die Firmung wird es stĂ€rkende Salbung, die uns durch denselben Geist neue Wege und Strategien des Zeugnisses und der NĂ€he aufzeigt; und durch die Eucharistie wird es zum Brot des neuen Menschen und »Medizin der Unsterblichkeit« (Ignatius von Antiochien, Brief an die Epheser, 20, 2).
5. Die Welt ist grundlegend auf das Evangelium Jesu Christi angewiesen. Durch seine Kirche fĂŒhrt er auch heute seine Mission als Barmherziger Samariter fort, indem er die blutenden Wunden der Menschheit heilt. Er wirkt weiter als Guter Hirte, der ohne Unterlass nach denjenigen sucht, die sich auf gewundenen und ziellosen Pfaden verirrt haben. Und, Gott sei Dank, fehlt es nicht an vielen bedeutenden Erfahrungen, die die verwandelnde Kraft des Evangeliums bezeugen. Ich denke an einen Studenten aus dem Volk der Dinka, der sein Leben aufs Spiel setzte, um einen Studenten aus dem Stamm der Nuer zu retten, der getötet werden sollte. Ich denke an jene Eucharistiefeier in Kitgum im Norden Ugandas, einer damals blutgetrĂ€nkten Region aufgrund der Grausamkeit einer Gruppe von Rebellen. Dort lieĂ ein Missionar die GlĂ€ubigen die Worte Jesu am Kreuz wiederholen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?», als Ausdruck des verzweifelten Schreis von BrĂŒdern und Schwestern des gekreuzigten Herrn. Dieser Gottesdienst war fĂŒr die Menschen eine Quelle groĂen Trostes und viel Mutes. Und wir können an viele, unzĂ€hlige Zeugnisse denken, wie das Evangelium hilft, Abschottung, Konflikte, Rassismus und Tribalismus zu ĂŒberwinden, indem es ĂŒberall und unter allen Aussöhnung, BrĂŒderlichkeit und Anteilnahme fördert.
Die Mission regt eine SpiritualitÀt des bestÀndigen Hinausgehens, des Pilgerns und des Exils an
6. Die Mission der Kirche ist beseelt von einer SpiritualitĂ€t des bestĂ€ndigen Hinausgehens. Es geht darum, »hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 20). Die Mission der Kirche erfordert eine Bereitschaft zum fortwĂ€hrenden Pilgern durch die verschiedenen WĂŒsten des Lebens, durch die verschiedenen Formen des Hungers und des Durstes nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Mission der Kirche erfordert ein fortwĂ€hrendes Exil, damit der Mensch, der nach dem Unendlichen dĂŒrstet, fĂŒhlt, dass er sich als Wanderer auf dem Weg zur letzten Heimat befindet, zwischen dem âschonâ und dem ânoch nichtâ des Himmelreichs.
7. Die Mission sagt der Kirche, dass sie nicht Selbstzweck ist, sondern ein bescheidenes Werkzeug und Bindeglied des Reiches Gottes. Eine selbstbezogene Kirche, die sich ĂŒber irdische Erfolge freut, ist nicht die Kirche Christi, sein gekreuzigter und verherrlichter Leib. Deshalb sollte uns eine âverbeulte Kircheâ lieber sein, »die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die StraĂen hinausgegangen ist« als »eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist« (ebd., 49).
Die Jugendlichen, Hoffnung der Mission
8. Junge Menschen sind die Hoffnung der Mission. Die Person Jesu und die Frohe Botschaft, die er verkĂŒndet, faszinieren auch heute viele Jugendliche. Sie suchen nach Wegen, auf denen sie den Mut und die Impulse des Herzens im Dienst der Menschheit verwirklichen können. Es gibt»viele Jugendliche, die angesichts der Leiden in der Welt ihre solidarische Hilfe leisten und verschiedene Formen von AktivitĂ€t und Volontariat ergreifen. […]. Wie schön, wenn die Jugendlichen âWeggefĂ€hrten des Glaubensâ sind, glĂŒcklich, Jesus auf jede StraĂe, auf jeden Platz, in jeden Winkel der Erde zu bringen!« (ebd., 106). Die nĂ€chste ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode steht 2018 unter dem Motto âDie Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidungâ und stellt eine willkommene Gelegenheit dar, um junge Menschen fĂŒr die gemeinsame missionarische Verantwortung zu begeistern, die ihre groĂes Vorstellungsvermögen und ihre KreativitĂ€t braucht.
Der Dienst der PĂ€pstlichen Missionswerke
9. Die PĂ€pstlichen Missionswerke sind ein wertvolles Instrument, wenn es darum geht, in allen christlichen Gemeinden den Wunsch zu wecken, die eigenen Grenzen und die eigenen Sicherheiten zu ĂŒberschreiten und aufzubrechen, um allen Menschen das Evangelium zu verkĂŒnden. Durch eine im Alltag verwurzelte tiefe missionarische SpiritualitĂ€t und einen fortwĂ€hrenden missionarischen Bildungs- und Gestaltungseinsatz werden Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Familien, Priester und Ordensleute dazu angeregt, sich dafĂŒr einzusetzen, dass das Herz aller fĂŒr die Mission schlĂ€gt. Der Sonntag der Weltmission, den das Werk fĂŒr die Glaubensverbreitung veranstaltet, ist eine gĂŒnstige Gelegenheit, damit das missionarische Herz aller christlichen Gemeinden durch das Gebet, durch das Lebenszeugnis und durch die GĂŒtergemeinschaft den schwerwiegenden und groĂen Erfordernissen der Evangelisierung nachkommt.
Mission mit Maria, der Mutter der Evangelisierung, machen
10. Liebe BrĂŒder und Schwestern, unsere Mission inspiriert sich an Maria, der Mutter der Evangelisierung. Sie nahm, vom Geist bewegt, das Wort des Lebens in die Tiefe ihres demĂŒtigen Glaubens auf. Die Jungfrau möge uns helfen, âJaâ zu sagen, angesichts der Dringlichkeit, die Frohbotschaft Jesu in unserer heutigen Zeit wieder aufklingen zu lassen. Sie erwirke uns eine neue Leidenschaft von Erweckten, damit wir das Evangelium des Lebens, das den Tod besiegt, zu allen Menschen bringen. Auf ihre FĂŒrsprache möge uns der heilige Freimut erfĂŒllen, mit dem wir neue Wege suchen, damit das Geschenk der Erlösung zu allen gelange.
Aus dem Vatikan, am Pfingstfest, dem 4. Juni 2017
FRANZISKUS
Sich auf die Mission besinnen und davon erzÀhlen
Oft habe ich mich gefragt â schreibt P. Mariano Tibaldo (im Bild) â, in wieweit die Missionserfahrung mein Verhalten zu den anderen und zu den Dingen dieser Welt, sowie meine Beziehung zu Gott und zu meinem eigenen Missionsberuf geprĂ€gt haben mag. Mit anderen Worten, was hat bis heute mein Leben geformt; wie haben mich Begegnungen mit Menschen anderer Kulturen und verschiedener SensibilitĂ€t verĂ€ndert; wie hat mich das Gemeinschaftsleben mit MitbrĂŒdern, die von positiven aber auch schwierigen Erfahrungen gezeichnet sind, mitgestaltet; wie haben bedeutungsvolle aber auch dramatische Situationen meine missionarische SensibilitĂ€t geschĂ€rft.
Mein Missionsleben âerzĂ€hlenâ heiĂt nicht nur, missionarische Fakten und Probleme wiedergeben (und schon gar nicht âmissionarische Sichtweisenâ auftischen, die vielleicht den Verstand interessieren, aber nicht das Herz). Die Mission erzĂ€hlen heiĂt, die grundlegenden Elemente âin Erinnerung rufenâ, die das Leben geprĂ€gt haben (im weitesten Sinn des Wortes, nĂ€mlich Ereignisse, die auf andere RealitĂ€ten hinweisen, durch die man von der unsichtbaren Hand Gottes liebevoll berĂŒhrt worden ist), und Teil der persönlichen Geschichte und IdentitĂ€t geworden sind.
Das âErzĂ€hlenâ nimmt dann eine performative Dimension an (performativ: im Augenblick des Sprechens wird eine Aussage “Wirklichkeit”, Anmerkung des Ăbersetzers), denn dadurch, dass es eine VerĂ€nderung bezeugt, die Verstand, Herz und Wille interessiert, nimmt es andere in den eigenen missionarischen Weg herein.
Das ErzÀhlen ist im Grunde nichts anderes als Zeugnis von einer Begegnung zu geben, die geheimnisvoll in der Geschichte geschieht, und die Richtung angibt. Die Mission entsteht aus der Begegnung mit der Liebe Gottes.
Papst Franziskus schreibt in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (EG): âAllein dank dieser Begegnung â oder Wiederbegegnung â mit der Liebe Gottes, die zu einer glĂŒcklichen Freundschaft wird, werden wir von unserer abgeschotteten Geisteshaltung und aus unserer Selbstbezogenheit erlöst. Unser volles Menschsein erreichen wir, wenn wir mehr als nur menschlich sind, wenn wir Gott erlauben, uns ĂŒber uns selbst hinaus zu fĂŒhren, damit wir zu unserem eigentlicheren Sein gelangen. Dort liegt die Quelle der Evangelisierung. Wenn nĂ€mlich jemand diese Liebe angenommen hat, die ihm den Sinn des Lebens zurĂŒckgibt, wie kann er dann den Wunsch zurĂŒckhalten, sie den anderen mitzuteilen?â (EG 8).
Die 150 Lebensjahre des Instituts in Erinnerung rufen heiĂt, konstituierende und grundlegende Ereignisse feiern, jenen âFelsen, aus dem wir gehauen sindâ, die aus uns das gemacht haben, was wir heute sind, und in denen wir die liebevolle Hand Gottes wahrnehmen. Es heiĂt aber auch, jene Personen ins GedĂ€chtnis zu rufen, die die Werte mit Leidenschaft und voller Selbsthingabe gelebt haben. Ich wĂ€hle drei Ereignisse aus, die nach meiner Ansicht in unserem Leben und in der ErfĂŒllung unserer Mission besonders bedeutungsvoll geworden sind, da sie Dauerhaftes, Haltungen und grundlegende Dimensionen ausdrĂŒcken.
- Combonis Tod als beispielhaftes Ereignis seines Lebens
Ich gestehe, dass mich Combonis leidenschaftliche Hingabe fĂŒr Afrika immer fasziniert hat. Er war wie die Flamme einer Kerze, die langsam herunterbrennt. Wer erinnert sich nicht an jene Fotografie mit ergrautem Bart und leidgeprĂŒftem Gesicht, die gegen Ende seines Lebens gemacht wurde? Aber auch sein Tod und die anschlieĂenden Ereignisse haben mich immer als sinnbildliche Events seines Lebens beeindruckt. Comboni starb, als sich am Horizont die dunklen Wolken des Mahdi Aufstandes zu bilden begannen, der die Sudan Missionen hinwegfegen wĂŒrde. Wenige Tage vor seinem Tod schrieb er an P. Sembianti folgende Worte: âIch bin glĂŒcklich im Kreuz, das, wenn es aus Liebe zu Gott gerne getragen wird, den Sieg bringt und das ewige Lebenâ.
Rein menschlich gesehen, schienen jene Worte der Wirklichkeit zu widersprechen, zumindest was den Triumpf der Mission betraf. Wer konnte besser als er selbst das unglaubliche AusmaĂ der Mission und auch die Knappheit der KrĂ€fte ermessen? Eine Erbschaft, die der Missionar Johann Dichtl, der Comboni in den letzten Stunden beigestanden war, entgegengenommen hatte, aber noch zu jung war, um jene ĂŒbermenschliche Mission weiterzufĂŒhren; ein Erbgut, das zudem bald nach dem Ausbruch des Mahdi Aufstands verlorenzugehen schien.
Comboni wurde im Garten der Mission neben dem ersten apostolischen Provikar P. Maximilian Ryllo SJ beigesetzt. Nach dem Ende des Mahdi Aufstandes besuchte Mons. Roveggio 1901 den Missionsfriedhof von Khartum, um ihre Ăberreste zu bergen. â[âŠ] man ist zu den GrĂ€bern von P. Ryllo und Mons. Comboni in den Missionsgarten von Khartum zurĂŒckgekehrt, – schreibt Domenico Agasso in seiner Comboni-Biographie. Das erste Grab war unberĂŒhrt [âŠ]. Im zerstörten Grab von Comboni fand man nur einige mit Erde vermischte Knochenreste. [âŠ]. Wenige Ăberreste [âŠ]: der Körper des Apostolischen Vikars ist zum groĂen Teil an Ort und Stelle geblieben, vermischt mit jener Erde. Vorbehaltlose Hingabe [âŠ] Comboni und Afrika sind eins gewordenâ[1].
Eine bewegende Szene, die noch deutlicher als Worte die innere Leidenschaft Combonis ausdrĂŒckt, im Leben und im Tod Afrika zu gehören. Ein zutiefst symbolisches Geschehen: Combonis Körper, âvermischtâ mit jener Erde, scheint sie zu befruchten. Er gehört Afrika ĂŒber den Tod hinaus. Sieht man von den GefĂŒhlen ab, könnte man, rein menschlich gesprochen, den groĂen Traum Combonis fĂŒr gescheitert betrachten â so wie andere Unternehmen vor ihm.
Die Worte von Papst Franziskus in Evangelii Gaudium, mit denen er ein grundlegendes Prinzip fĂŒr den Aufbau einer neuen Gesellschaft formuliert, sind sehr einleuchtend. Er sagt, dass die Zeit mehr wert ist als der Raum. âDer Zeit Vorrang zu geben bedeutet, sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen, anstatt RĂ€ume zu besitzen. Die Zeit bestimmt die RĂ€ume, macht sie hell und verwandelt sie in Glieder einer sich stetig ausdehnenden Kette, ohne RĂŒckschritt. Es geht darum, Handlungen zu fördern, die eine neue Dynamik in der Gesellschaft erzeugen und Menschen sowie Gruppen einzubeziehen, welche diese vorantreiben, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringt. Dies geschehe ohne Ăngstlichkeit, sondern mit klaren Ăberzeugungen und mit Entschlossenheitâ.
Und weiter schreibt der Papst: âDieses Kriterium lĂ€sst sich auch gut auf die Evangelisierung anwenden, die uns dazu aufruft, den gröĂeren Horizont im Auge zu behalten und die geeigneten Prozesse mit langem Atem anzugehenâ EG 223 und 225).
Leben und Sterben von Comboni können wir als eine âLeben erzeugende Aktionâ eines VerĂ€nderungsprozesses mit Hilfe von wenigen Personen betrachten, die den Traum weiterverfolgen. âLeben erzeugende Aktionenâ sind also ein Kriterium fĂŒr eine Missionsmethode und die Missionarische Bewusstseinsbildung, die, auch wenn sie scheinbar unbedeutend sind, eine VerĂ€nderung in Bewegung setzen, der sich Personen anschlieĂen, die dann ihrerseits zu VerĂ€nderungen beitragen. Beispiele dafĂŒr gibt es genug in unserer Geschichte. Ich erwĂ€hne kurz Br. Michele Sergi und seinen âKlubâ von Khartum, der fĂŒr viele Jugendliche zu einem Ort der Begegnung und Fortbildung wurde. Ohne groĂe AnsprĂŒche zu stellen, wurden viele von ihnen, die durch seine Schule gingen, zu Glaubensboten in jenen Gebieten SĂŒdsudans, die die Missionare noch nicht erreicht hatten.
Der Orkan des Mahdi Aufstands war gleich nach dem allzu frĂŒhen Tod von Comboni ĂŒber unsere Missionen hereingebrochen. Die Zentralafrikanische Mission wurde hinweggefegt, das Missionspersonal floh nach Ăgypten oder geriet in Gefangenschaft. FĂŒr die Letzteren begann ein langer Kreuzweg voll von DemĂŒtigungen.
Nach zwanzig Jahren kehrten die Missionare nach Khartum zurĂŒck und machten sich in den SĂŒden auf, um neue Missionen zu grĂŒnden: 0hne Beziehungspunkt und Erfahrung, ohne Anweisungen fĂŒr die Missionspastoral. Nach seinen ersten Erfahrungen im Sudan umschreibt P. Antonio Vignato die Lage so: âDie arge VerspĂ€tung unserer katechetischen Organisation muss man auch unserer Unerfahrenheit zuschreiben, eine Mission zu organisieren; niemand von uns hatte die Möglichkeit gehabt, die Arbeit anderer Missionare zu beobachten, und Ă€uĂerst wenig hatte man von den Erfahrungen anderer gelesen. Den einzigen Anschauungsunterricht hatten wir in der Kolonie von Gesirah [âŠ] und in den Schulen von Helouan, Suakim und Ă€hnlichen erhaltenâ[2]. Man muss von vorne anfangen trotz der immensen Schwierigkeiten und den vielen Hindernissen.
Alles verlieren und neu anfangen, den Traum Combonis wiederbeleben â oder ihn lebendig erhalten inmitten von SchicksalsschlĂ€gen, die viele von uns erlebt haben â wird wie ein Refrain wiederholt, der uns von allem Anfang an begleitet hat. Als ob uns der Herr durch diese und andere schmerzlichen Erfahrungen zum Wesentlichen der Mission hingefĂŒhrt hĂ€tte. Ich denke an die Zerstörungen des Krieges in Uganda, als ich noch Scholastiker war; an die zerstörten Missionen von Maracha, Koboko und anderer; ich erinnere mich an die Mission von Otumbari, die die Missionare auf Anordnung des Bischofs wegen der GuerillakĂ€mpfe verlassen mussten; ich denke an den Schmerz von P. Bernardo Sartori, als er den Befehl erhielt, die Mission zu rĂ€umen, obwohl er von der Notwendigkeit nicht ĂŒberzeugt war, aber sein Haupt im Gehorsam beugte. Ich denke auch an jene MitbrĂŒder, die an der Seite des Volkes trotz Krieg und Gewalt ausharren und die FlĂŒchtlinge begleiten. Von vorne anfangen; unnachgiebig; den Traum Combonis, der Jesu Traum ist, am Leben erhalten, oder ihn wieder aufleben lassen, wenn alles verloren zu sein scheint; den schmerzhaften Prozess der Kenosis erleiden, was Teilnahme an Jesu Kenosis ist, dort wo die Arbeit von Jahren zerstört und vernichtet worden ist. Solche Erfahrungen können durch einen vom Geist geleiteten Prozess der Entscheidungsfindung zum KairĂČs werden, zu einer unerwarteten Gelegenheit zu wachsen und sich zu verĂ€ndern.
Das ist ein Aufruf, sich von kurzlebigen Sicherheiten und von klug ausgedachten PlĂ€nen und Methoden zu verabschieden, sollten sie nur die Frucht von âEhrgeizâ sein. âWie oft ertrĂ€umen wir peinlich genaue und gut entworfene apostolische Expansionsprojekte, typisch fĂŒr besiegte GenerĂ€le! So verleugnen wir unsere Kirchengeschichte, die ruhmreich ist, insofern sie eine Geschichte der Opfer, der Hoffnung, des tĂ€glichen Ringens, des im Dienst aufgeriebenen Lebens, der BestĂ€ndigkeit in mĂŒhevoller Arbeit geschieht, âim SchweiĂ unseres Angesichtsâ (EG 96). Auf diese Weise werden SchicksalsschlĂ€ge, Niederlagen, Verluste, Aufgabe unserer weltlichen Sicherheiten eine Einladung zur Umkehr, verwandeln sich in grundlegende Events, um zu den Wurzeln unserer IdentitĂ€t und unserer Mission zurĂŒckzufinden.
Mit wenigen Worten zeigt Evangelii Gaudium die Dimensionen einer Gemeinschaft âim Aufbruchâ und das Wesentliche der Mission auf. Papst Franziskus spricht von einer Gemeinschaft, die die Initiative ergreift, die die weit entfernten Menschen aufsucht, an die Wegkreuzungen geht und die Ausgeschlossenen einlĂ€dt: Das entspricht unserer Tradition, zu den âĂrmsten und am meisten Verlassenenâ zu gehen. Unter diesem Gesichtspunkt behĂ€lt die Formel ad gentes weiterhin ihre GĂŒltigkeit. Franziskus spricht auch von einer Gemeinschaft, die sich einbringt und âdas menschliche Leben annimmt, indem sie im Volk mit dem leidenden Leib Christi in BerĂŒhrung kommtâ, das Echo jenes âgemeinsame Sache mit den Leuten machenâ, das zur Missionsmethode der Comboni-Missionare gehört.
Mission ist, den Leib des leidenden Bruders berĂŒhren â in seiner menschlichen, sozialen und kulturellen Situation â und ich lade ein, ânicht in der reinen Idee verhaftet zu bleiben und in Formen von Innerlichkeitskult und Gnostizismus zu verfallen, die keine Frucht bringenâ, sondern versuchen, âdas Kriterium der Wirklichkeit zu sein â eines Wortes, das bereits Fleisch angenommen hat und stets versucht, sich zu inkarnierenâ, nach dem Kriterium, âdass die Wirklichkeit ĂŒber der Idee stehtâ (EG 233). Franziskus fĂŒgt weitere missionarische Dimensionen hinzu: âdie Menschheit in all ihren VorgĂ€ngen, so hart und langwierig sie auch sein mögenâ, zu begleiten; die Begleitung âkennt das lange Warten und die apostolische Ausdauer. Die Evangelisierung hat viel Geduld und vermeidet, die Grenzen nicht zu berĂŒcksichtigenâ.
Unterstreicht âAfrika durch Afrika rettenâ nicht etwa den Prozess, unaufdringliche WeggefĂ€hrten zu werden, damit das Volk zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte wird? Und schlieĂlich die Kriterien von befruchten und feiern, âdamit das Wort Gottes in einer konkreten Situation Gestalt annimmt und FrĂŒchte neuen Lebens trĂ€gtâ und âjeden kleinen Sieg, jeden Schritt vorwĂ€rts in der Evangelisierung preisen und feiern kannâ (EG 24).
Zum Wesentlichen der Mission zurĂŒckkehren bedeutet, die Gemeinschaft als Handelnde zu entdecken, die evangelisiert, Initiativen ergreift, teilnimmt, begleitet, FrĂŒchte trĂ€gt und feiert, weil nach den Worten der Enzyklika âdie Gemeinschaft eine Verbundenheit auf dem Weg ist, und die Gemeinschaft sich wesentlich als missionarische Communio darstelltâ, die vom Geist Jesu beseelt ist (EG 23). Ich fĂŒge hinzu, dass die Gemeinschaft jene Verbundenheit auf dem Weg ist, die, wĂ€hrend sie evangelisiert, selbst evangelisiert wird; wĂ€hrend sie unterrichtet, dazulernt; wĂ€hrend sie Subjekt der Mission ist, selbst zum Objekt wird und sich gegenseitig durch Schenken und Empfangen bereichert.
- Teilung und Wiedervereinigung
Die Ereignisse der Teilung und der Wiedervereinigung der Kongregation in Erinnerung zu rufen, wenn auch nur in groben ZĂŒgen, wirkt sich nach meiner Meinung nicht nur positiv auf unsere gemeinsame Zugehörigkeit aus, sondern auch auf die Art und Weise, unsere Mission zu leben.
Die Teilung der Kongregation im Jahre 1923 hatte eine âtiefe Wundeâ aufgerissen, schreibt P. Romeo Ballan in der Beilage zu Familia Comboniana vom April 2017 und zitiert dabei P. T. Agostoni und P. F. Pierli. Die GrĂŒnde fĂŒr die Teilung schienen schwerer zu wiegen als die fĂŒr die Einheit: unterschiedliche Ausbildung und Missionsmethode, ĂŒberhitzter Nationalismus, völliges Ausschalten des Dialogs von Seiten der FĂŒhrungsspitze, der man âdie Zweiteilung des einen von Comboni gegrĂŒndeten Körpers in die Schuhe schobâ[3], wie sich das Bollettino von 1972 ausdrĂŒckte. Viele Comboni-Missionare haben die Teilung als schmerzlich empfunden und âsie nie wirklich voll akzeptiert â unterstrich derselbe Artikel â im Gegenteil, fĂŒr so manchen ist sie zu einer Gewissenfrage gewordenâ [4].
Die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung ist nie erloschen, denn âdie Comboni-Gruppe ist ihrer eigenen Berufung immer treu geblieben: von daher kommt die von Comboni grundgelegte und fruchtbringende Unruheâ[5]. Diese Unruhe hilft, gegenseitige Abkapselung zu ĂŒberwinden und Vorurteile abzubauen. Sie festigt das Bewusstsein, dass Comboni unser gemeinsamer GrĂŒnder und die Mission der Existenzgrund âdes einen in der Mission geborenenâ[6] Comboni-Instituts ist, und ruft eine Reihe von Initiativen hervor. Diese Unruhe fĂŒhrt zur Tat und wird konkrete Geschichte von informellem Meinungsaustausch, Forschungsarbeit, Zusammenarbeit in der Mission, von praktischen Schritten zu gemeinsamer Ausbildung in Spanien und zum Einsatz von Personen, die an die Wiedervereinigung geglaubt haben wie die P. A. Riedl und P. E. FarĂš.
Die Unruhe wird konkrete Geschichte von Ăberlegungen der Generalkapitel der beiden Institute, von der Arbeit der Reunion Study Commission und bis herauf zum Kapitel von 1979, das die Wiedervereinigung formell sanktioniert. Die Wiedervereinigung, die nichts anderes als ein formeller und juristischer Akt war, ist durch echten Dialog, gegenseitiges Sich-Annehmen und ehrliches Geradestehen fĂŒr die eigenen Verfehlungen und durch das Bewusstsein der identischen, gemeinsamen Wurzeln vorbereitet worden, um die Einheit wiederherzustellen. Ich glaube, dass diese Sehnsucht nach der Wiedervereinigung und der Prozess, der sie in Bewegung gesetzt hat, GrĂŒndungselemente unserer IdentitĂ€t sind, besonders fĂŒr unsere Zeit, in der die Kongregation eine ausgeprĂ€gte kulturelle Vielfalt annimmt. Wir sind ein Institut, das auf Wiederversöhnung und auf gegenseitiger An- und Aufnahme aufgebaut ist, und gesandt wird, in Frieden lebende Gemeinden zu errichten: Vergebung, Dialog, Versöhnung, Annahme des NĂ€chten gehören zu unserer missionarischen IdentitĂ€t.
Ich finde die Worte in Evangelii Gaudium ĂŒber die Art und Weise, den unausweichlichen Konflikten zu begegnen, die in einer Gemeinschaft entstehen können, sehr treffend. âDen Konflikt – sagt der Papst – soll man nicht ignorieren, noch weniger sein Gefangener werden oder die eigene âKonfusion und Unzufriedenheitâ auf andere projizieren. Man soll den Konflikt erleiden, ihn lösen und zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses machenâ (EG 227). â
Auf diese Weise wird es möglich sein, dass sich aus dem Streit eine Gemeinschaft entwickelt. Das kann aber nur durch die groĂen Persönlichkeiten geschehen, die sich aufschwingen, ĂŒber die Ebene des Konflikts hinauszugehen, und den anderen in seiner tiefgrĂŒndigen WĂŒrde zu sehen. Dazu ist es notwendig, sich auf ein Prinzip zu berufen, das zum Aufbau einer sozialen Freundschaft unabdingbar ist, und dieses lautet: die Einheit steht ĂŒber dem Konfliktâ (EG 228).
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Versuch, einen Konflikt anzugehen, die bedingungslose Annahme des anderen voraussetzt, und im Licht der eigenen charismatischen und missionarischen IdentitĂ€t geschehen muss. Auf diese Weise werden die Unterschiede, oft Auslöser von Konflikten, das Wohl der Mission fördern. Mit Hilfe dieser erlittenen, gelösten und aufgearbeiteten Konflikte können Gemeinschaften kultureller Vielfalt entstehen und die Gemeinschaft selbst zum Zeichen und Merkmal von Versöhnung und Dialog werden. Â
- AbschlieĂend: problematische Knotenpunkte
Ich möchte noch auf einige Fragen eingehen, die nach meiner Ansicht im ersten Viertel unseres Jahrhunderts von besonderer Bedeutung sind, ohne mir aber anmaĂen zu wollen, Lösungen parat zu haben. Sie sollten vielmehr zu weiteren Ăberlegungen anregen.
Wie schon oben erwĂ€hnt, schlieĂen sich unserer Kongregation MitbrĂŒder aus dem SĂŒden an, die aus anderen Kulturkreisen kommen, und bereits FĂŒhrungspositionen einnehmen. Die PrĂ€senz dieser MitbrĂŒder verĂ€ndert nicht nur das ZahlengefĂŒge der Kongregation, sondern bringt auch eine neue Art mit sich, das Ordens- und Gemeinschaftsleben und die Mission zu betrachten. Dialogbereitschaft und aufmerksames Hinhören auf die BeweggrĂŒnde des anderen sind heute unerlĂ€sslich. Denn die kulturellen Unterschiede werden immer sichtbarer und bewĂ€hrte Weisen Probleme zu lösen, werden immer mehr in Frage gestellt.
Ich denke besonders an das Problem der comunitĂ dâinserzione radicale. Nach allgemeinem VerstĂ€ndnis und gemeinsamer Praxis geht es dabei um die Armut in der Lebensgestaltung, indem man sich auf die Ebene der Armen begibt und sich einfacher Strukturen bedient. Ich frage mich, ob MitbrĂŒder, die nicht aus Kulturen der westlichen Welt kommen, ein anderes VerstĂ€ndnis haben von Armut, von einem Leben in Armut, mit den anderen in Armut zu leben; ob sie, ganz allgemein gesprochen, eine andere SensibilitĂ€t fĂŒr âradikaleâ Armut mitbringen. Ich kann mit keinen Lösungen aufwarten, möchte aber diese Frage aufwerfen. Ich glaube aber, dass das BemĂŒhen, uns gegenseitig zuzuhören, besonders was mĂŒndliche und nicht mĂŒndliche Botschaften angeht, uns helfen kann, eine Gemeinschaft der Unterschiede (comunitĂ delle differenze) aufzubauen. Das wĂ€re ein erster Schritt auf dem Weg, Gemeinschaften kultureller Vielfalt zu errichten.
Ein anderes Problem betrifft die VorlĂ€ufigkeit und die Ăbergabe von Aufgaben (besonders von Pfarreien), sobald diese eine gewisse finanzielle, pastorale und missionarische SelbstĂ€ndigkeit erreicht haben (LF 70). Ich erwĂ€hne, ganz nebenbei und ohne Polemik, dass auch noch nicht selbstgenĂŒgsame EinsĂ€tze, die unsere PrĂ€senz weiterhin nötig gehabt hĂ€tten, wegen Personalmangel dem Bischof ĂŒbergeben wurden.
Die Ideale der Lebensform kollidieren oft mit den Möglichkeiten der Geschichte. Das Problem, selbstĂ€ndige und finanziell gut dastehende Pfarreien zu ĂŒbergeben, wird jetzt besonders akut, da die radikal zu einer sogenannten âMissionsprovinzâ gehörenden MitbrĂŒder zahlenmĂ€Ăig zunehmen und, was recht und billig ist, mit ihrer Leitung betraut werden. Die Autonomie der Provinzen, besonders was der finanzielle Unterhalt ihrer radikalen Mitglieder betrifft, ist ein ernstzunehmendes Problem, dem sich viele Provinzen stellen und nach entsprechenden Lösungen suchen mĂŒssen. Aus dieser Sicht und im Licht der neuen geschichtlichen Gegebenheiten mĂŒssen Aussagen und Ansichten, die wir als selbstverstĂ€ndlich betrachteten, neu ĂŒberdacht werden. Wenn ich an meine Erfahrungen als Provinzoberer denke, dann kommen mir die Zweifel und die Ratlosigkeit der radikal zur Provinz gehörenden MitbrĂŒder in den Sinn, wenn es darum ging, eine finanziell blĂŒhende Pfarrei dem Bischof zu ĂŒbergeben.
Ein dritter problematischer Knoten: Die Mission mitsamt ihrem Kontext und die juristische Gliederung der Kongregation in Provinzen und Delegationen passen sich fast durchwegs den nationalen Grenzen an. Viele âmissionarische Situationenâ wie die der Hirtenvölker Westafrikas, der afrikanischen Nachkommen Amerikas, der indigenen Völker von Lateinamerika, aber auch die Probleme der Randgebiete der groĂen StĂ€dte sprengen politische Grenzen und unsere Jurisdiktionsbereiche. In solchen FĂ€llen spricht man in der Kongregation von âkontinentalen EinsĂ€tzenâ. Ich frage mich, ob wir nicht die rechtliche Organisation der Kongregation nach den Kriterien des missionarischen Einsatzes ĂŒberdenken und der neuen RealitĂ€t anpassen sollen. Mit anderen Worten: sollte eine rechtliche Teilung nicht in erster Linie die âmissionarischen Situationenâ vor Augen haben anstatt der Verwaltungsgrenzen eines Staates?
Diese Frage ist nicht neu, denn sie wurde bereits auf dem Generalkapitel 2009 angeschnitten, aber ohne sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Es stimmt zwar, dass die Lebensform beim Austausch von Personal zwischen Jurisdiktionsbereichen eine gewisse FlexibilitĂ€t (116 und 125) vorsieht. Jedoch die Neugestaltung (oder wie immer man das nennen will) einer Provinz gemÀà einer âmissionarischen Situationâ fördert die Einheit und IdentitĂ€t, erleichtert die Ausarbeitung gemeinsamer pastoraler Richtlinien und die ĂberprĂŒfung der ĂŒbernommenen EinsĂ€tze.
Meiner Ansicht nach sollten wir diese drei problematischen Knotenpunkte (und andere, sollten sich weitere ergeben) mit Aufmerksamkeit verfolgen, in stĂ€ndigem Dialog darĂŒber bleiben und ehrlich darĂŒber nachdenken.
âWir wollen weiterhin auf Gott, Comboni und die Menschen hören, um in der heutigen Mission die Zeichen der Zeit und der Orte wahrzunehmen und auf sie hinzuweisenâ (KD â15,  22). Dieser Aufgabe dĂŒrfen wir uns nicht entziehen.
P. Mariano Tibaldo mccj
Zum Nachdenken
- Wenn ich meine eigene Geschichte und/oder jene der Kongregation in Erinnerung rufe, welches sind die Grunderfahrungen gewesen, die mein Leben geprÀgt haben, und in denen ich die Gegenwart Gottes erkenne? In wieweit haben diese Ereignisse mich oder das Leben der Provinz verÀndert?
- Gibt es förderliche Handlungen, die in der Provinz und/oder auf einem sozialen Gebiet etwas verÀndert haben? Wie sehen diese VerÀnderungen aus? Wer hat sie ausgelöst? Was ist in unserer MissionstÀtigkeit mehr das Ergebnis von persönlichen PlÀnen als vom Versuch, auf VerÀnderungen hinzuarbeiten?
- Welche schwierigen Situationen auf persönlicher und/oder auf Kongregationsebene haben meine missionarische Sendung gelĂ€utert und glaubwĂŒrdiger gemacht und der Provinz geholfen, das Wesen der Mission wiederzufinden?
- Gibt es Konflikte und wie begegne ich ihnen in der Gemeinschaft und in der Provinz?
Ăbersetzung P. Alois Eder, mccj, Ellwangen
[1] Domenico Agasso sr â Domenico Agasso jr, Un profeta per lâAfrica. Daniele Comboni, Cinisello Balsamo (Milano), San Paolo, 2011, pp. 279-280.
[2] Antonio Vignato, Una pagina di storia catechetica africana, in «Combonianum», 8 (1944)2, p. 11-12. Roma, Archivio Centrale, l/A/l.
[3] Kurze Ăbersicht ĂŒber die Kontakte der italienischen (FSCJ) und der deutschen Comboni-Missionare (MFSC), im «Bollettino» (1972) 97, S. 58.
[4] Ibid. p. 58.
[5] Ibid. p. 58.
[6] Ibid. p. 59.







